Jung und Jung Verlag, Salzburg: »Tauben fliegen auf«

Es ist ein schokoladenbrauner Chevrolet mit Schweizer Kennzeichen, mit dem sie zur allgemeinen Überraschung ins Dorf einfahren, und die Dorfstraße ist wirklich nicht gemacht für einen solchen Wagen. Sie, das ist die Familie Kocsis, und das Dorf liegt in der Vojvodina im Norden Serbiens, dort, wo die ungarische Minderheit lebt, zu der auch diese Familie gehört. Oder, richtiger, gehörte.

Denn sie sind vor etlichen Jahren schon ausgewandert in die Schweiz, erst der Vater und dann, sobald es erlaubt war, auch die Mutter mit den beiden Töchtern, Nomi und Ildiko, und Ildiko ist es, die das hier alles erzählt. So auch den Besuch im Dorf, der dann nicht der einzige bleibt, Hochzeiten und Tod rufen sie jedesmal wieder zurück ins Dorf, wo Mamika und all die anderen Verwandten leben, solange sie leben.

Zuhause ist die Familie Kocsis also in der Schweiz, aber es ist ein schwieriges Zuhause, von Heimat gar nicht zu reden, obwohl sie doch die Cafeteria betreiben und obwohl die Kinder dort aufgewachsen sind. Die Eltern haben es immerhin geschafft, aber die Schweiz schafft manchmal die Töchter, Ildiko vor allem, sie sind zwar dort angekom-men, aber nicht immer angenommen. Es genügt schon, den Streitigkeiten ihrer Angestellten aus den verschiedenen ehemals jugoslawischen Republiken zuzuhören, um sich nicht mehr zu wundern über ein seltsames Europa, das einander nicht wahrnehmen will. Bleiben da wirklich nur die Liebe und der Rückzug ins angeblich private Leben?

Der Verlag Jung und Jung wurde im Jahr 2000 in Salzburg von Jochen Jung gegründet. Er widmet sich in erster Linie der deutsch-sprachigen Gegenwarts-literatur, mit Schwerpunkt Österreich, publiziert daneben aber auch Überset-zungen aus anderen Sprachen und anderen Zeiten. Kunstbücher und Bücher zum Thema Musik ergänzen das Programm. Sprachliche Eigenständigkeit und die intellektuelle Neugier zeichnen die Autoren des Verlages aus, die dafür zahlreiche Preise und Nominierungen erhielten.

Zu den deutschsprachigen Autoren des Jung und Jung-Verlages gehören u. a. Melanie Arns, H. C. Artmann, Xaver Bayer, Günter Brus, Erwin Einzinger, Sherko Fatah, Ludwig Fels, Anselm Glück, Peter Handke, Gert Jonke, Elfriede Kern, Alfred Kolleritsch, Ursula Krechel, Inge Merkel, Christine Pitzke, Martin Prinz, Klaus Reichert, Julian Schutting, Arnold Stadler, Peter Waterhouse, Gernot Wolfgruber. Zu den übersetzten zählen Adonis, Dimitri T. Analis, Hart Crane, Robert Creeley, Peer Hultberg, Herman Melville, William Shakespeare, Edmund Spenser, William Butler Yeats oder das finnische Nationalepos Kalewala von Elias Lönnrot. Weitere Informationen: www.jungundjung.at

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.