Denk-mal50plus: »Politisches Theater heute«

 
Denk-mal50plus: »Politisches Theater heute«Fernab des politischen Tagesgeschehens (oder auch ganz nah dran …) bemüht sich die Bundeszentrale für Politische Bildung Einfluss auf das Zeitgeschehen zu nehmen, jedenfalls begleitend theoretisch. Mit der Herausgabe der Zeitschrift aus »Politik und Zeitgeschehen«, eine Beilage zur Wochenzeitung »Das Parlament« versucht sie, uns in der Ausgabe vom 13. Oktober Nachdenkenswertes zum Thema »Politisches Theater« nahe zu bringen.

Eberhard Görner im Interview mit Maria von Bismarck: »Autoren von Shakespeare bis Brecht besitzen für das Theater Langzeitwirkung über Jahrhunderte hinweg. Jetzt sind wir konfrontiert mit Autoren und mit Literatur, die eher Kurzzeitwirkung haben«.

»Ja, und das trifft auch auf die Politik zu. Weil der Mensch überdreht ist – durch Kommunikation, durch Medien, durch Anspruch – und keine Wurzeln mehr empfindet, muss alles schnell konsumiert werden, weil er sonst zusammenbricht. Weil sonst das ganze System zusammenbricht. Deswegen setzt man sich diese kurzen Ziele. Wenn man sich Theater in den USA anschaut und sich dort in der Gesellschaft umsieht, ist dieses Phänomen noch extremer. Was steckt dahinter? Nichts als Angst vor der Zukunft, Angst vor langem Atem, Angst davor, etwas aufzubauen, wie vielleicht im alten Ägypten jemand einen Tempel gebaut und wirklich drei Monate gebraucht hat, um einen Stein dorthin zu setzen«, so Maria
von Bismarck.

Eberhard Görner: »Du hast die Misere des Theaters beschrieben. Erhoffst du dir eine Verbesserung durch die Politik?«

»Ehrlich gesagt: Ich glaube, dass es keine Politiker mehr gibt, die sich ernsthaft öffnen für Kunst oder Theater. Oder nur ganz wenige. Selbst Kultus- oder Kulturminister haben keine Zeit, ins Theater zu gehen oder sich die Vielfalt des Theaters anzuschauen. Oder zu lesen. Das sind Manager. Und ich glaube, dass die meisten den großen Fehler machen, dass sie die Bedeutung von Kultur völlig unterschätzen. Deswegen habe ich nicht viel Hoffnung, dass sich etwas verbessert. Im Gegenteil: Ich glaube, dass die Wüste, die oft in der Politik herrscht, immer mehr auf die Kultur übergreift. Aber es muss natürlich von der Politik kommen. Weil Politik die Theater finanziert. Das Erkennen der Wertigkeit von Kultur, dass sie eben nicht nur Unterhaltung ist und nicht nur eine nette Beilage zum Steak. Das ist immer weniger der Fall«. Soweit Auszüge aus dem Interview mit Eberhard Görner.

Wolfgang Engel auf die Frage von Eberhard Görner: »Du hast Theater immer als Form des politischen Dialogs mit dem Publikum verstanden. In der DDR warst du in dieser Hinsicht eine Lichtgestalt. Verlangt einem eine geschlossene Gesellschaft mehr Phantasie und Intelligenz ab als eine offene?«

»Ich habe gelernt, dass alles, was man am Theater macht, mit Politik zu tun hat. Selbst in Stücken, wo man meint, dass sich die Leute privat verhalten, ist das meist nur ein vorgeschobener Grund für einen politischen Vorgang. Oder umgekehrt, sie meinen, sich privat zu verhalten, und das hat politische Auswirkungen. Also eine ewige Dialektik. Die Grenzen sind fließend. Dafür sind die alten Stücke geradezu prädestiniert, weil sie in ihrer Sprache Assoziationsfelder zulassen. Das hat schon etwas mit der DDR zu tun: Das Maul war verbunden oder zugeklebt, und man hat trotzdem versucht zu sprechen. Ich habe alle Stücke, die ich gemacht habe, immer so verstanden, egal, ob der Text zweitausend Jahre alt war oder zwei Jahre. Wenn er etwas mit meinem Verständnis von Gegenwart zu tun hatte, dann habe ich das gemacht. Ich habe Stücke, bei denen ich das nicht gemerkt habe, nicht inszeniert. Dass das eine oder andere mehr oder weniger gelungen war, ist eine andere Sache. Das hat auch damit zu tun, wie ein Satz, der vor einem steht, der sich aus Buchstaben und Worten zusammensetzt, innerhalb von zehn Jahren mehrfach interpretiert werden kann. Das hat mich gereizt. Es gibt dieses berühmte Beispiel vom Deutschen Theater in Berlin, wo es drei Nathan-Aufführungen gab: 1946, 1956 und 1966. Es war jedes Mal derselbe Text, aber es waren drei völlig unterschiedliche Aufführungen«, so Wolfgang Engel gegenüber Eberhard Görner.

Eberhard Görner (64) ist Filmregisseur, Dramaturg und Drehbuchautor, u. a. für „Nikolaikirche“ (Regie: Frank Beyer) und „Der neunte Tag“ (Regie: Volker Schlöndorff); Honorarprofessor für Bewegtbildmedien an der HTW Dresden und Leiter der E. G.-Filmproduktion. Liliencron-Haus, 16259 Bad Freienwalde.

Horst Grenz, Leiter des Flensburger Instituts50plus: »Soweit Ausschnitte aus zwei lesenswerten Interviews. Auf der real-politischen Bühne – auch auf der wirtschaftlichen – befinden wir uns nach Auffassung des englischen Politikwissenschaftlers und Buchautoren Colin Crouch im Zeitalter der »Postdemokratie«. Wer sind die Regisseure, wer die Schauspieler, wer die Zuschauer?«, so ist zu fragen. Weitere Informationen: www.bpb.de/publikationen und per E-Mail Eberhard Görner: liliencronhaus@freenet.de

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