Bremer Philharmoniker: »Gustav Mahlers Symphonie Nr. 2«

»Fragen nach dem Sinn des menschlichen und künstlerischen Daseins, nach der Bedeutung von Leben und Tod beschäftigten Gustav Mahler sein Leben lang. Seine Symphonie Nr. 2 steht fast symbolisch für diese metaphysischen Fragestellungen.

Mahler begann Anfang 1888 mit dem I. Satz. Als er diesen Hans von Bülow auf dem Klavier vorspielte soll dieser entsetzt gesagt haben, dass im Vergleich dazu Wagners „Tristan“ eine haydnsche Symphonie sei. Es folgten fünf Jahre an denen Mahler nicht mehr an seiner 2. Symphonie gearbeitet hat. Erst dann entstand der Plan, diesen inzwischen „Todtenfeier“ genannten I. Satz zu einer Symphonie auszudehnen. Am 16. Juli 1893 war das Scherzo fertig, drei Tage später die Instrumentierung des IV. Satzes und am 30. Juli das „Andante“. Für das Finale fand Mahler erst im Frühjahr 1894 bei der Totenfeier für von Bülow eine Lösung, als er dort den „Auferstehungschoral“ mit einem Text von Friedrich Gottlieb Klopstock hörte. Es folgte eine Überarbeitung des Eröffnungssatzes und im Sommer desselben Jahres war das Werk fertig.

Mahler wollte zwar seine Symphonien als „absolute Musik“, d.h. ohne „Programm“ verstanden haben; gleichwohl schrieb er für seine Zweite vier gedanklich recht ähnliche Erläuterungen. So sah er sich, als er den Trauermarsch des I. Satzes konzipierte, „unter Kränzen und Blumen aufgebahrt tot liegen“. Das Hauptthema ist ein Trauermarsch mit düsterem Charakter. Ihm steht ein poetisches Seitenthema gegenüber. Die inneren drei Sätze der Symphonie betrachtete Mahler als „Intermezzi“. Als „ein Sonnenblick, rein und ungetrübt“ beschrieb er den II. Satz, in dessen Hauptteil ein fast fröhlicher Ländler erklingt. Wie ein Aufwachen nach dem wehmütigen Traum des II. Satzes bezeichnete Mahler den III. Satz, als einen grauenhaften Spuk, aus dem man „mit einem Schrei des Ekels auffahren“ könne. Mahler legte der Stimmung dieses Scherzos ein Bild zugrunde, in dem ein Mensch in dunkler Nacht steht und das Gewoge tanzender Gestalten in einem hell erleuchteten Ballsaal anschaut – dieses Bild steht paradigmatisch für Gesellschaft und Künstler, für einen in sich geschlossenen Kreis und einen Ausgeschlossenen. Der unmittelbar darauffolgende IV. Satz wirkt wie eine Antwort auf die Ausweglosigkeit des III. Satzes: eine ruhige Melodie voller ergreifender Zuversicht. Die innige Atmosphäre dieses Satzes könnte man als „langsame Einleitung“ des Finales verstehen, dessen Vorbild eindeutig der Schlusssatz der Neunten Symphonie von Ludwig van Beethovenwar – nicht nur durch die humanistisch-aufgeklärte Botschaft „Durch Nacht zum Licht“, sondern auch durch den Einsatz von Solisten und Chor, deren Themen schon im Orchester vorher eine ausführliche Entfaltung erhielten. Doch Mahlers „Botschaft“ ist anders: Aus den zahlreichen Motiven des Satzes erklingt das „Ewigkeits-Thema“ mit „Der Rufer in der Wüste“, „Dies irae“ und dem „Auferstehungsthema“. Die Durchführung formt aus diesen Themen und deren Varianten ein Bild vom Jüngsten Gericht, ein wuchtiger Marsch, bei dem man zwischen großen Steigerungen immer wieder Momente des völligen Zusammenbruchs erlebt. Mahler schuf hierbei einen der kühnsten Klangeffekte der symphonischen Literatur: Auf die Rufe von vier Trompeten antworten ängstlich Flöte und Piccoloflöte und darauf der Chor „a cappella“ (wieder ein verblüffender Klangkontrast!) mit dem Choral „Aufersteh’n, ja aufersteh’n“.

Der Choral gipfelt in der „Kernaussage“ der ganzen Symphonie „Sterben werd‘ ich, um zu leben“, die von dem orchestralen Nachspiel auf die Ebene einer unerschüt-terlichen Gewissheit gehoben wird«, so eine Mitteilung der Bremer Philharmo-niker. Weitere Informationen: www.bremerphilharmoniker.de

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