Ingo Schulze: »Orangen und Engel«

 
Schon bevor Ingo Schulze 2007 für ein Jahr mit seiner Familie in die Villa Massimo nach Rom zog, finden sich italienische Spuren in seinen Büchern. Die vorliegenden neun Erzählungen sind nun alle Italien gewidmet.

Der Ich-Erzähler, der offenbar wert darauf legt, einem deutschen Stipendiaten der Villa Massimo ähnlich zu sein, berichtet von Rom, von den Ausflügen und Reisen nach Neapel, Apulien und Sizilien. Doch man kann nicht von Tempeln, Kirchen, Fresken und Bildern schwärmen, ohne dass illegale Einwanderer, Prostituierte und Touristen mit in den Blick geraten.

Vor dem Hintergrund mythischer Landschaften und antiker Ruinen gewinnen die alltäglich-unalltäglichen Erlebnisse, die Ingo Schulze in diesen Geschichten beschreibt, etwas Exemplarisches und bleiben zugleich vage und ambivalent. Das Heute wird durchlässig für die Schichten der Vergangenheit, auf denen wir uns bewegen. Diese Verknüpfungen gelingen so großartig, dass uns die AS-Roma-Hose, die für eine bessere Behandlung im Krankenhaus sorgt, ebenso in Erinnerung bleiben wird wie ein in Liebe zum Erzähler geratener Oktopus, ein rumänischer Gelegenheitsarbeiter vor dem Supermarkt, der wie in tausendundeiner Nacht fabuliert und doch zum Richter für den Erzähler wird, oder der gegen das Vergessen kämpfende Signor Candy Man, den die Liebe zu einer Frau einst in den Osten geführt hatte.

Italienische Skizzen sind auch die Fotografien von Matthias Hoch, der 2003 Stipendiat der Villa Massimo war. Sein Blick auf Italien ist genau und überraschend, doch nie distanziert. Unabhängig voneinander entstanden, führen hier Bild und Text ein Zwiegespräch von spröder Poesie.

„Natürlich sind andere Städte lauter, duftender, stinkender, enger, schneller, weiter, unberechenbarer — Kalkutta, Sanaa, Kairo, Rio. Aber das sind fremde Städte, ich kann sie lieben oder hassen, aber sie bleiben mir fremd. Neapel jedoch ist meine Welt — nur am anderen Ende, so wie ein schräger Vogel in der eigenen Familie sehr viel mehr irritiert als ein Verrückter auf dem Bahnhof, eine bildschöne Tante oder Nichte mehr als jedes Pin-up-Girl.“ Ohne „Orangen und Engel“ sollte niemand mehr nach Italien fahren!

Matthias Hoch wurde 1958 in Radebeul bei Dresden geboren und lebt in Leipzig. Nach dem Studium der Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB) war er Meisterschüler dort. Es folgten zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland. Weitere Informationen: www.berlinverlage.de und www.institut50plus.de

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