Joseph Stiglitz: »Märkte stehen im Zentrum jeder erfolgreichen Volkswirtschaft …«

 
In der Großen Rezession, die im Jahr 2008 begann, verloren Millionen von Menschen auf der ganzen Welt ihre Häuser und Arbeitsplätze. Noch viel mehr waren in Angst und Sorge, dass ihnen das Gleiche widerfahren könnte, und fast jeder, der für seinen Lebensabend oder für die Ausbildung seiner Kinder Geld zurückgelegt hatte, musste erleben, dass der Wert dieser Ersparnisse auf einen Bruchteil ihres früheren Wertes schrumpfte. Eine Krise, die in Amerika begann, breitete sich binnen Kurzem auf die ganze Welt aus – allein in China gingen 20 Millionen Arbeitsplätze verloren, und viele Millionen Menschen verarmten.

Damit hatte niemand gerechnet. Die moderne Volkswirtschaftslehre mit ihrem Glauben an freie Märkte und an die Globalisierung hatte Wohlstand für alle versprochen. Die hochgerühmte New Economy – die erstaunlichen Innovationen,
die die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts kennzeichneten, darunter auch Deregulierung und Finanzierungstechnik – sollte ein besseres Risikomanagement ermöglichen und dadurch den konjunkturellen Schwankungen ein Ende setzen. Und wenn die Verbindung von New Economy und moderner Ökonomik das konjunkturelle Auf und Ab auch nicht abgeschafft habe, so habe sie es doch zumindest abgeschwächt. So erzählte man es uns jedenfalls.

Dieses Buch befasst sich mit einem Kampf der Ideen, mit den Vorstellungen, die zu den verfehlten politischen Maßnahmen führten, die die Krise auslösten, und mit den Lehren, die wir daraus ziehen. Mit der Zeit endet jede Krise. Aber jede Krise – zumal eine Krise dieses Ausmaßes – wirkt nach. Und die Krise von 2008 wird eine neue Sicht der langjährigen Kontroversen um die Frage, welches Wirtschaftssystem dem Gemeinwohl am dienlichsten ist, mit sich bringen. Der Kampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus mag vorbei sein, aber es gibt unterschiedliche Spielarten der Marktwirtschaft, und der Wettbewerb zwischen ihnen geht weiter.

Man hätte erwarten können, dass sich mit der Krise von 2008 die Debatte über den »Marktfundamentalismus« – die Überzeugung, dass freie Märkte von selbst wirtschaftlichen Wohlstand und Wirtschaftswachstum hervorbringen – erledigt hätte. Man hätte meinen können, niemand würde mehr behaupten – zumindest so lange nicht, bis die Erinnerungen an diese Krise tief ins historische Gedächtnis abgesunken sind -, dass sich Märkte von selbst regulieren und dass das eigennützige Verhalten der Marktteilnehmer die Funktionstüchtigkeit der Märkte garantiere.

Diejenigen, die vom »Marktfundamentalismus« profitierten, warten mit einer anderen Interpretation auf. Einige sagen, unsere Wirtschaft habe einen »Unfall« erlitten, und Unfälle ereigneten sich nun mal. Es komme ja auch niemand auf den Gedanken, zu fordern, wir dürften wegen gelegentlicher Kollisionen nicht mehr Auto fahren. Diejenigen, die diesen Standpunkt vertreten, wollen, dass wir so schnell wie möglich wieder zum alten Zustand vor der Krise von 2008 zurückkehren. Die Banken hätten keine Fehler gemacht, sagen sie.

Joseph Stiglitz, 1943 in den USA geboren, war Professor für Volkswirtschaft in Yale, Princeton, Oxford und Stanford, bevor er 1993 zu einem Wirtschaftsberater der Clinton-Regierung wurde. Anschließend ging er als Chefvolkswirt zur Weltbank. 2001 wurde er mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnet. Stiglitz lehrt heute an der Columbia University in New York. Bei Siedler erschien der Bestseller „Die Schatten der Globalisierung“ (2002) und das viel diskutierte Buch „Die Roaring Nineties“ (2004). Zuletzt erschien „Die Chancen der Globalisierung“ (2006). Weitere Informationen: www.randomhouse.de

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